Der Kinderumzug hat eine bunte Vorgeschichte

Verglichen mit der Geschichte des Zunftwesens ist der Kinderumzug vergleichsweise jung: Der erste Kinderumzug oder, genauer gesagt, der erste Knabenumzug fand im Jahr 1862 statt. Festivitäten oder Umzüge zur Feier des Frühlingsbeginns hatte es schon vorher gegeben. Besonders orginell ist diesbezüglich die Schilderung eines deutschen Theologen, August Ebrard, der 1845 den inoffiziellen Auftakt des Sechseläutens wie folgt beschrieb: "Schon morgens früh um sechs Uhr liefen Hunderte von "Böhken", d.h. verkleideten Kindern, auf den Strassen umher, strichen Vorübergehende mit einer Bürste, klingelten an Haustüren und liessen sich Schillinge reichen oder hinunterwerfen, wobei sie piepten wie die Vögel. Auch kleine Mädchen gingen paarweise zusammen, einen Kranz und ein mit Bändern geputztes Bäumlein tragend, weissgekleidet, Blumen im Haar, und kamen in die Häuser und sangen." Wie man aus dieser Quelle lesen kann, wurde der Frühling hier mit der ungestümen Kraft der Jugend gefeiert. Ähnliche Verhaltensmuster haben sich bis heute im Halloween oder im Schulsylvester erhalten.

Das Treiben der "Piepvögel" war wohl etwas zu bunt, um zünftig zu sein. Zöiftig war aber sehr wohl der vom Widder-Zünfter Heinrich Cramer organisierte Knabenumzug von 1862. Die Mädchen waren erst beim zweiten Jugendumzug von 1867 dabei. Interessant war in dieser frühen Periode der Umstand, dass nicht nur die Zünfte, beziehungsweise das "Sechseläuten-Central-Comité" als Organisatoren in Erscheinung traten, sondern auch die Nachbarngesellschaft im Kratz-Quartier, der Rennwegverein oder die Quartiervereinigung Selnau. Eine der grossen Attraktionen an den damaligen Kinderumzügen war übrigens die Verbrennung des Bööggs, den man auf einem Wagen mitführte. Besonders wählerisch waren die Kinder und natürlich auch die Organisatoren des Kinderumzugs in der Sujetwahl nicht. Anstelle des Bööggs verbrannte man genau so gerne Figuren aus Märchen und Sagen wie etwa einen Drachen, Reineke Fuchs oder den römischen Kriegsgott Mars. Spielerisch war damals auch die Umzugsplanung, etwa als das Central-Comité drei verschiedene Umzüge in den zentralen Quartieren organisierte. An verschiedenen Orten wurde sodann ein Feuer entfacht: Im Stadelhofen - Quartier wie am Bahnhofplatz, im Selnauquartier und auf dem Kasernenplatz.

Der Umzug wird zöiftig

1896 war es dann (endlich) so weit: Das Central-Comité übernahm den Kinderumzug in eigener Kompetenz. In dieser Pionierphase war der Kinderumzug weniger eng mit der Geschichte und Traditionen der einzelnen Zünfte verbunden, vielmehr enthielt er noch wesentliche Elemente von den damals beliebten Themenumzügen, etwa mit Figuren aus den Märchen der Brüder Grimm. Im Jahr 1905 wurde folgende Impression festgehalten: "Das bekannte Zürcher Festwetter stellte sich nach einigen Zweifeln pünktlich ein. Der Kinderumzug am Morgen nahm den schönsten Verlauf und gewährte Alt und Jung ein ungemeines Vergnügen. Eine Menge von Clowns in allen Farben, Herolde, Krieger usw. eröffneten den Zug, denen drei Berittene in den Landesfarben nachfolgten. Der Wagen mit dem "Böögg", der wirkungsvoll von der grünen Tanne sich abhob, machte viel Spass. Dann hielt der Frühling seinen liebreizenden Einzug mit einer Schar holder Begleiterinnen, und so folgte in bunter Frabenpracht Bild an Bild in verschiedenen Wagen und Gruppen; es war eine recht malerische Augenweide, die man gerne länger festgehalten hätte. Farbenreiche Gestalten aus der Märchenwelt und aus allen Herren Ländern präsentierten sich dem Auge. Unsere kleidsamen Landestrachten kamen sehr gut zur Geltung, die vielen Rotkäppchen waren leiblich anzuschauen; kurz, es war eine Lust, Freude und Wohlgefallen."

Tanz in der Tonhalle

Bis ins Jahre 1920 fand der Kinderumzug weiterhin am Montag Morgen statt. Ziel war fast das gleiche wie heute: in der Tonhalle, wo die Kinder nach dem Umzug eintrafen, waren Wurst, Brot und Tee bereit. Offensichtlich waren die Kinder ausgesprochen fit: Kaum verpflegt, tanzten sie bis gegen Mittag. 1921 wurde der Kinderumzug auf den Sonntag Nachmittag verlegt. Ein Zeitpunkt, der sich bis heute bewährt hat, haben doch namentlich die kleinen Kinder Gelegenheit, sich bis zum Zug der Zünfte am Montag etwas auszuruhen.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der Kinderumzug im Sinne einer Annäherung an das kulturelle Leben der verschiedenen Zünfte weiter. Die Elemente der Themenumzüge konnten sich aber noch viele Jahre halten. Noch 1958 schrieb Edwin Arnet, Chronist der Neuen Zürcher Zeitung: "Auf den Fahnenwald der ehemaligen Nachbargemeinden des alten Zürichs folgt der Tross des Mittelalters mit Herolden, Hofnarren und Edelleuten und dann das Heer der Schweizer Trachten. Nach der schönen Gruppe "Zürcher Zünfte", in der die kleinen Zunftfahnen, die Jungen der wirklichen Fahnen flattern und das aristokratische Zürich andeuten, wird das Märchenbuch aufgeschlagen, und man sieht Trachten aus aller Welt, womit vor allem der Wilde Westen und der Ferne Ostrn gemeint sind." Nicht ganz überzeugt war der Berichterstatter von damals vom Ende des Umzugs: "Und bunt und munter ist immer der Schluss. Das Zugsende pflegt der Papierkorb für alles zu sein, was in den Rubriken Rokoko, Biedermeier, Mittelalter, Trachten usw. nicht unterzubringen ist."

Im Unterschied zu heute, wo der Kinderumzug von einer grossen Equipe von jungen oder sicher junggebliebenen Zünftern und Zünfterinnen, den Chäfern, gelenkt und geleitet wird, dominierte vor fünfzig Jahren an der Umzugsspitze noch das gesetzte Element. NZZ-Autor Arnet schreibt dazu: "Der Umzug der Kinder stellt sich dieses Jahr beim Bürkliplatz auf, in der Höhe des Brunnens von Geisers gezügeltem Stier, eine Art Gleichnis vom Ungestüm der Umzugskinder, die aus allen Kreisen der Stadt und der Bevölkerung eintreffen. Die Umzugsordner, würdige Zunftherren im Cutaway, stellen nun mit 1800 Kleinen einen Umzug zusammen, mit der Lust von Knaben, die auf einer Tischplatte aus Zinnfiguren einen Tross formieren." 1962 organisierte das ZZZ den Kinderumzug als Jubiläumsumzug zum 100. Geburtstag des ersten Knabenumzugs. Über 3500 Kinder nahmen nebst Hunderten von Musikanten und Begleitpersonen am festlichen Zug teil.

Rolls Royce und Palmenwagen

In den kommenden Jahrzehnten war der Kinderumzug immer wieder eine Institution, bei der man ohne weiteres eine Erneuerung wagte, um nicht zu sagen ein Experiment. Eine Zeitlang fuhr gar ein Rolls Royce und einige edle Begleitfahrzeuge an der Spitze des Umzuges, ein Umstand, den der ehemalige ZZZ-Präsident Pit Wyss historisch betrachtet als nicht sinnvoll ansah und deshalb aus dem Umzug entfernte. Wyss berichtete aber, dass einige neue Element des Kinderumzugs später in den Zug der Zünfte aufgenommen wurden, etwa der Kämbel-Wagen mit der Palme. 

Der Kinderumzug hat sich mit seiner Offenheit für alle Kinder aus Stadt und Kanton Zürich und mit seiner Integration der ausländischen kulturellen Gruppen als fulminanter Auftakt zum Sechseläuten für die gesamte Bevölkerung etabliert. Früher wurde er nur bei schönem Wetter durchgeführt, wobei die Beflaggung der Kirche St. Peter das Zeichen für die Durchführung war. Heute wird der Umzug bei jedem Wetter durchgeführt. Natürlich drückt man dabei den Kindern (und Chäfern) die Daumen, dass das Wetter mindestens so lange halte, bis alle bei Sandwich und Eisteee im Kongresshaus sitzen.

Allgemeine Informationen zum Kinderumzug 2017


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