Die Geschichte

Das Sächsilüüte als "gewerbepolizeiliche" Massnahme

Ulrich Zwingli

Kirchliche Verordnungen und obrigkeitliche Mandate liessen dem mittelalterlichen Zürcher in der Gestaltung seines täglichen Lebens wenig Spielraum. Unzählige Sittenmandate und Bekleidungsvorschriften zeugen von der unerbittlichen Strenge jener Zeit: "Ess- und Trinkgewohnheiten" waren dermassen reglementiert, dass selbst Zwingli sich mit einem Buch "Von fryheit der spysen" dagegen auflehnte. Die sogenannten Horen, die sieben Stundengebete der Geistlichkeit, teilten den Tagesablauf ein, von der Matutin am Morgen, Prim, Terz, Sext, Non und Vesper bis zur Komplet am Abend. Die Glocken der Bettelmönchsklöster (Franziskaner oder Barfüsser, Dominikaner oder Prediger, Augustiner) und wohl auch der Nonnenklöster (Oetenbach, Fraumünster) riefen mit ihrem Schlag zum Essen nach der Morgenmesse (Musglocke), zur Arbeit (Werchglocke), zum Schliessen der Stadttore (Torglocke) usw. Die Läutordnung allein des Grossmünsters führte schon 1346 acht Glocken auf. Vom St. Peter ist die "Strübglocke" überliefert, vom Fraumünster die "Nachtglocke"; beide mahnten zum Verlassen der Trinkstuben. 

Die Zunftordnung regelt ab 1336 das Berufsleben

Die Zunftordnung bestimmten die Länge der Lehr-, Gesellen- und Wanderjahre. Sie legt die Bedingungen für den Erwerb des Meisterrechts fest, und sie enthielt Vorschriften für das Verhalten und Benehmen von Meistern, Gesellen und Lehrlingen. Sie bestimmten aber auch die Arbeitszeit: diese dauerte im Sommer von 4 oder 5 Uhr morgens bis zum Läuten der Feierabendglocke um 6 Uhr abends. Dieser 12 bis 14 Stunden dauernde Arbeitstag, unterbrochen von drei Ruhepausen für das Morgenbrot, den Imbiss und das Abendbrot, wurde im Winter auf den "Lichttag" verkürzt. Er begann, "sobald der tag angadt", und fand bei einbrechender Dunkelheit sein natürliches Ende.

Denn nicht nur die Gassen und Höfe waren eng und bis ins 19. Jahrundert hinein unbeleuchtet, auch die Wohn- und Arbeitsräume waren zumeist klein, kaum heizbar und schlecht beleuchtet. Die damals noch mit Oeltuch und Pergament bespannten Fensterrahmen erhielten erst um die Mitte des 16. Jahrunderts Glasfüllungen.

Kienspäne, Oellampen und Talgkerzen mussten als kümmerliche Lichtquellen dienen. Sie ermöglichten nur wenigen Berufen, so etwa den Kannengiessern, ein Weiterarbeiten bis in die Nacht hinein; für alle andern ging im Winterhalbjahr die Arbeit bei Beginn der Dämmerung zu Ende. 

Einladung zum Sächsilüüte 1879

Doch zurück zum "Sechs-Uhr-Läuten" als Zeichen für den Arbeitsschluss im Sommer. Wann genau es eingeführt wurde, ist heute nicht mehr festzustellen, doch dürfte man kaum fehlgehen, wenn man den mutmasslichen Beginn ins 14. Jahrhundert legt. Als Folge der unter Huldrych Zwingli von Zürich ausgehenden Reformation wurden 1524 die Klöster aufgehoben. Damit verstummten ihre Glocken. Es bedurfte nun eines Ratsbeschlusses, um das Feierabendläuten neu zu regeln. Dieses Mandat vom 11. März 1525 ist uns erhalten als das älteste bisher gefundene Zeugnis über das Sechsuhrläuten.

Dass nach dem Winterhalbjahr die Wiederaufnahme des Sechsuhrläutens damals ausgerechnet auf den Tag der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche gelegt wurde - 11. März nach dem früheren Julianischen, 21. März nach dem heutigen Gregorianischen Kalender - zeigt einmal mehr, wie sehr selbst der mittelalterliche Mensch noch vom Wechsel der Jahreszeiten abhängig war. Später wählte man, wohl aus rein praktischen Gründen, den ersten Montag danach, den ersten Arbeitstag der Woche also, und bei diesem Tag ist es geblieben.

Erst viel später, als das Sächsilüüte sich zu einem richtigen Volksfest entwickelt hatte und damit das Wetter zu einem massgeblichen Faktor geworden war, verlegte man 1842 den Montag "wegen des Sauwetters" erstmals in die zweite Hälfte des Aprils.

Wen wundert's, dass nach jedem Winter der Frühling herbeigesehnt wurde, der mehr Wärme, mehr Licht und mehr Verdienst versprach, und dass der Tag, an dem das Arbeitsende erstmals wieder mit dem "Sechs-Uhr-Läuten" angezeigt wurde, Grund zu besonderer Freude bot. Grund genug, um sich auf den Zunftstuben zu einem Trunk zusammenzufinden.


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