Geschichtlicher Exkurs
Gemeinde Enge und die "Heiligen Drei Könige"
Im frühen 19. Jahrhundert war die Enge eine Streusiedlung, d.h. die Häuser waren auf das ganze Gebiet verteilt. Wollte man von einem Zentrum sprechen, so lag dieses in der Gegend des Nordteils des Bahnhofs Enge. Dieser Ort hiess seit dem 14. Jahrhundert "Wacht zu den Drei Heiligen Königen", benannt nach der den drei Königen geweihten Kapelle. Durch die Verlegung der linksufrigen Eisenbahnlinie vom Ulmbergtunnel auf das jetzige Trassee wurde der Bau eines neuen Bahnhofs notwendig. Das führte nicht nur zum Abbruch der Kapelle, sondern, da der Tunneleinschnitt wesentlich tiefer lag, zu einer Absenkung und wesentlichen Umgestaltung der ganzen Umgebung.
Die Kapelle hinterliess wenig historische Spuren. Einmal spielte sie eine Rolle als Ort der Friedensstiftung im "alten Zürichkrieg". Zum anderen soll am 5. Juli 1775 kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe beim "füdliblutten" Baden in der Sihl ertappt worden sein. Als Ahndung für diese - mindestens damals noch - strafbare Handlung musste er der Kapelle zu den Drei Heiligen Königen 70 Gulden abgeben.
Es gab noch andere Orte der Verehrung der drei Könige, so ein den Weisen gewidmeter Altar im Grossmünster und eine 1590 abgebrochene Kapelle beim Kloster Oetenbach, direkt an der Schipfe. Auch im Haus "Zum Königsstuhl", dem Wohnhaus des Bürgermeisters Rudolf Stüssi, zeigten Wandmalereien die drei Könige. Die Originale wurden bei einer Renovation im Jahre 1938 hinter dem Täfer entdeckt, fein säuberlich abgelöst und befinden sich seither im Landesmuseum. Kopien davon gehören zum Schmuck des neu renovierten Zunftsaals der Zunft zur Schneidern an der Stüssihofstatt 3. Bis heute sind die Darstellungen der drei Könige im Südturm des Fraumünsters erhalten. Die Früh-Renaissance-Malerei in einer der wichtigsten Kirchen Zürichs leitet zur Frage über, worin die hohe Popularität der drei Könige in Zürich begründet ist.
Die Verehrung der Waisen aus dem Morgenland in Zürich geht auf die Zeit der Ueberführung ihrer Gebeine aus Mailand nach Köln zurück. Kaiser Barbarossa hatte Mailand 1164 erfolgreich eingenommen, nicht zuletzt dank der Unterstützung seines Kanzlers, des Kölner Erzbischofs Rainald von Dassel. Als Anerkennung erhielt dieser vom Kaiser die Gebeine, die ihm bei der Eroberung der Stadt in die Hände fielen. Das Geschenk mag aus heutiger Sicht bescheiden erscheinen, aber die bereits traditionelle Verehrung der Heiligen Drei Könige seit dem 4. Jahrhundert bildete für Dassel eine sichere Basis für einen Wallfahrtsort in unmittelbarer Nähe der Kaiserstadt Aachen und die damit verbundenen Einnahmen.
Fachleute streiten sich, auf welchem Wege die Reliquien von Mailand nach Köln gelangten. Einige Historiker sind der Ansicht, die Gebeine hätten für zwei Nächte im Fraumünster gelegen. Als Beweis führen sie die Inschrift unter dem Dreikönigsbild an: "In dieser Capell ruitind die... heiligen ... küng über nacht die nach Burgund...". Nach einer Abschrift der ersten Zürcher Stadtchronik sind es sogar "dry tag und dry nacht". Die neuste Literatur besagt: "Die splitterhaften Nachrichten in den Quellen stellen die Ueberführung als ein eher zufälliges Ereignis dar. Die spätere Legende hatte noch nicht einmal Kenntnis vom richtigen Weg, den der Erzbischof 1164 von Mailand nach Köln einschlug. Die Legende verlegt die Reise auf die übliche Route über die Bündner Pässe und Chur. In Wirklichkeit reiste Rainald von Dassel in einem umständlichen Bogen über die Westalpen, Lyon und das Burgund bis ins südliche Elsass, um von Breisach aus den Rhein abwärts zu fahren."
Entscheidend ist nicht die wissenschaftliche, sondern die gelebte Wirklichkeit. Es ist unbestreitbar, dass die drei Könige in Zürich eine wesentliche Verehrung genossen. Während diese in den Hauptkirchen nach der Reformation nachliess, hat sie sich in der Enge erhalten. Die Kapelle blieb bis zum Bahnneubau bestehen und noch heute ist die neu erbaute katholische Engemer Kirche an der Schulhausstrasse den Heiligen Drei Königen geweiht.
Die Bibelstelle im Matthäus-Evangelium ist die Basis für die wohl am weitesten verbreitete Heilige Legende. Am 6. Januar, dem Dreikönigstag, feiern wir auch das Epiphanias-Fest, eines der ältesten Feste der christlichen Kirche. "Chasper, Melcher und Baltis", wie sie im Dialekt heissen, leben in der Zürcher Tradition weiter. Früher wurden am Dreikönigstag Geschenke verteilt, heute wird auch in Zürich darüber gewetteifert, wer die "Bohne" oder den "Plastikkönig" im beliebten Dreikönigs-Kuchen findet, um für einen Tag - mindestens in der Familie - "regieren" zu dürfen.




